Der erste echte Birding-Tag
Birding hat eine Eigenschaft, die gleichzeitig Segen und Fluch ist: Birden kann man immer und überall. Mich als Birder freut das natürlich sehr. In meinem Umfeld kann das allerdings auch immer mal wieder die Nerven strapazieren, denn bei jedem Spaziergang oder auch nur beim aus dem Fenster gucken nehme ich alle Vögel um mich herum wahr und wenn da was Spannendes dabei ist (und am Anfang des Jahres sind ALLE Arten sehr spannend, sogar Straßentauben), dann kann es passieren, dass ich ohne Vorwarnung stehenbleibe oder plötzlich woanders hingucke. Natürlich versuche ich es dieses Verhalten auf ein akzeptables Maß herunterzufahren, trotzdem konnte ich in den ersten sieben Tagen des Jahres 2022 44 Vogelarten beobachten, ohne ein einziges Mal wirklich birden gewesen zu sein. Mit Ausnahme der Vögel vom Sterntaucher waren alle Vögel bislang mehr oder weniger Zufallsbeobachtungen bei Spaziergängen oder z.B. auf dem Weg zum Arzt.
| Eine neue Hamburgart für mich, leider nicht zählbar: Die Warzenente in Volksdorf |
Diesen Samstag hingegen habe ich es endlich geschafft zum ersten Mal wirklich birden zu gehen. Das heißt also, am Samstagmorgen klingelte der Wecker und wenig später fuhr ich mit dem Fahrrad durch diverse Naturschutzgebiete und Stadtteile mit dem ausschließlichen Fokus möglichst viele, möglichst spannende Vögel zu entdecken. Es ging los am Öjendorfer See, wo mich neben den erwarteten Höckerschwänen, Schellenten und Rotdrosseln auch ein adulter Seeadler überraschte. Obwohl der Öjendorfer See relativ städtisch gelegen ist, treffe ich die Art hier erstaunlich oft an, das Nahrungsangebot muss also vorzüglich sein. Die hier jährlich überwinternden Rohrdommeln sind trotzdem kein Risiko eingegangen und blieben tief im Schilf versteckt, sodass ich ein ander Mal wiederkommen werden muss um sie auf die Jahresliste zu setzen.
Für die nahegelegene Boberger Niederung hatte ich einen heißen Tipp für einen Waldohreulenschlafplatz bekommen, nur den Eulen hatte das niemand gesagt und so fuhr ich eulenlos weiter zu den Allermöher Wiesen und durch das NSG Reit. Die Artenliste wuchs mit Weißwangengänsen, Zwergtauchern und anderen Arten stetig an, größere Überraschungen blieben aber leider aus. Immerhin jagten dann plötzlich zwei Eisvögel über die Gose-Elbe. Im letzten Winter hat die Art durch eine kurze aber heftige Frostperiode bei uns leider massive Bestandseinbußen durchlebt, ich schätze dass der Bestand aktuell weniger als halb so groß ist wie vor dem letzten Winter.
Und in einer nahestehenden Erle saßen drei Birkenzeisige und schnabulierten vor sich herum. Da ihr Gefieder, inklusive Flanken und Flügelstreifen bräunlich war, handelte es sich um die bei uns häufigeren Alpenbirkenzeisige. Wie jedoch erst kürzlich eine Studie gezeigt hat, handelt es sich dabei nicht um eine eigenständige Art sondern um einen Ökotypen. Nach aktuellem Stand dürfte ich Taigabirkenzeisige trotzdem noch als weitere Art für dieses Big Year zählen, falls ich dieses Jahr noch welche finden sollte.
Schließlich fuhr ich nach Kirchwerder. Ein Freund hatte dort wenige Tage zuvor in einer Grabenlandschaft mehrere Zwergschnepfen entdeckt. Für mich steht außer Frage, dass die Art in Hamburg regelmäßig vorkommt. Ihre extrem heimliche Lebensweise in wenig zugänglichen Biotopen führt jedoch dazu, dass sie meist nur per Zufall gefunden wird. Aber in diesem big Year möchte ich so wenig wie möglich dem Zufall überlassen. Der entsprechende Graben war schnell gefunden und nach wenigen Minuten Suche flogen plötzlich zwei hübsch gezeichnete Schnepfen vor mir auf und fielen nach wenigen Metern in einem anderen Graben wieder ein. Der Landeplatz der einen Schnepfe war schnell gefunden, dort musste ich allerdings mehrere Minuten suchen, bevor ich den Vogel quasi freisitzend direkt vor mir fand. Die Tarnung dieser Art ist einfach unfassbar!
Da es nun dämmerte nahm ich mir die nächste Zielart vor. Von einem nahegelegenen Bauernhof wusste ich, dass hier zumindest früher Schleiereulen gelebt hatten. Vor Ort dann die Enttäuschung: Die Bewohner erzählten mir, dass dieses "früher" ungefähr vor 10 Jahren gewesen sein muss und dass das Einflugloch inzwischen versiegelt sei. Ähnlich wie bei den Zwergschnepfen besteht kein Zweifel, dass Schleiereulen zur Hamburger Avifauna gehören. Sichere Beobachtungsplätze sind jedoch (mir zumindest) keine bekannt, sodass diese Art eventuell zu einer Problemart für das Big Year werden könnte.
Obwohl es inzwischen stockdunkel war, gab es noch die Hoffnung auf eine weitere Jahresart. Ich trat zunächst in die Pedale, stieg dann in die S-Bahn und anschließend am Hamburger Rathaus wieder aus. In dessen Sandsteinfassade befindet sich nämlich im Winterhalbjahr der Schlafplatz einer lokalen Rarität. Auf den Ornamenten des dritten Stockwerks sitzend fand ich schließlich 14 Flauschebälle mit Schwanz: Berghänflinge. Und so endete der Tag trotz diverser Dips (Rohrdommel, Waldohreule, Schleiereule) doch noch sehr positiv und mit 21 neuen Arten für die Jahresliste.
| Berghänflinge in der Fassade des Hamburger Rathauses |
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